2016/07/20: Mit zweierlei Maß

Offensichtlich habe ich einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, denn ich könnte ausflippen, wenn mit zweierlei Maß gemessen wird. Das passiert einem hier als Expat schon mal öfter.

Mir war vorher klar, dass ich hier der Ausländer bin und in dem kurzen Zeitraum auch nicht integriert sein werde. Mir auch klar, dass ich hier wahrscheinlich verhältnismäßig oft abgezockt werde und überhaupt. Ich war darauf vorbereitet, dass Chinesen rassistisch sind. Und dass sie sich nicht um Fremde scheren (also auch gegenüber anderen Chinesen), dafür aber sehr loyal seien, wenn man sich gut kennt.

Weil ich nicht ganz doof bin, war mir auch bewusst, dass man das alles nicht verallgemeinern kann. Und dass es Ausländern gegenüber immer Vorbehalte gibt, egal, in welchem Land man sich befindet. 

Als wir uns mit dem chinesischen Makler Wohnungen ansahen, war uns also auch bewusst, dass der wahrscheinlich noch mal eine interne Absprache mit dem Vermieter hat, wir einen höheren Preis zahlen würden als ein Einheimischer, dass man uns wegen anstehender Renovierungen (egal, ob noch nötig oder schon längst geplant) kackendreist ins Gesicht lügen würde und so weiter.

Im Alltag wurde ich hingegen größtenteils von einer Hilfsbereitschaft überrascht, von denen sich Deutsche durchaus auch mal eine Scheibe abschneiden können. Wenn ich im Supermarkt oder so nicht weiterkam, dann ist das eigentlich immer so, dass die andere Person im Zweifelsfall ihr eigenes Smartphone zückt, um eine Übersetzungs-App zu öffnen oder Bilder herauszusuchen. Oder es wurden Kollegen oder auch mal andere Kunden zu Rate gezogen. Nicht selten habe ich auch plötzlich ein Telefon am Ohr, an dem mir dann jemand in sehr gutem bis sehr gebrochenem Englisch was mitteilen möchte. Weil die Person dann einfach jemand angerufen hat, der übersetzen könnte. Betonung auf „könnte“. ;)

Klar ging es da hauptsächlich um Situationen, in denen man Geld verdienen wollte… Dennoch.

Genauso gab es Situationen, in denen die Verkäuferinnen vor mir weggelaufen sind, Leute mich demonstrativ ignorierten oder ich offensichtlich übers Ohr gehauen werden sollte oder ich einfach anders behandelt wurde.

Gestern war ich im Spielwarenladen. Der Toys ‚r Us in der Super Brand Mall ist auf zwei Ebenen und man kann auch an verschiedenen Stellen ‚rein und ‚raus. Ich hatte ein noch unbezahltes Quetschobst-Tütchen in der Hand und sprintete Felix hinterher, der auf einmal etwas zu schnell die Treppe herunterlief und strauchelte. Eine Mitarbeiterin, die oben auf der Treppe stand, rief mir wohl etwas hinterher, ich hörte auch, dass jemand zeterte, fühlte mich allerdings gar nicht angesprochen. Ich fühlte dann zwar was am Arm und am Rücken, aber da gerade andere Leute die Treppe hochgingen, dachte ich, ich wäre – mal wieder – mit ordentlich Schmackes angerempelt worden. Das passiert hier nämlich gerne mal und ich bin mir ziemlich sicher, dass das kein allgemeines Rempeln ist, sondern gerne mal mit Absicht gegen Fremde geschieht.

Dann realisierte ich allerdings langsam, was da gerade wirklich passierte: Die Verkäuferin hatte mir mit einem zusammengerollten Prospekt auf Arm und Rücken geschlagen. Als ob ich eine lästige Fliege wäre oder sonstwas angestellt hätte. Sie keifte mich an und zeigte auf das Quetschobst in der Hand. Ich zeigte mit einer geschwungenen Bewegung, dass ich mich hier noch weiter umsehen und schon nicht mit dem 90-Cent-Artikel abhauen wollte. Mit einem sehr abschätzigen Gesichtsausdruck ließ sie mich dann gewähren und beobachtete uns genau.

Hallo? Was sollte das? Die Chinesen um uns herum durften problemlos mit ihren großen noch unbezahlten Sachen auf den Ebenen hin- und herlaufen. Und außerdem habe ich in diesem Laden schon Mitarbeiter gesehen, die in der Ecke schliefen, hinter einem Regal versteckt mit dem Handy spielten und sich – mein Lieblingsbeispiel! – ungeniert und in aller Seelenruhe an einem großen Spiegel die Mitesser ausdrückten.

Das soll mir ja alles egal sein, aber erstens lasse ich mich nicht schlagen und zweitens werde ich echt grantig, wenn Regeln nicht für alle gelten.

Zu Letzterem wollte ich eigentlich ursprünglich ausführlicher bloggen, aber das ist mir jetzt doch zu kompliziert, das zu erklären. Weil es auch einfach so bizarr ist. Fassen wir es mal so zusammen: Es ging um den Pool und Chinesen dürfen ihre Ayi umsonst mitbringen und die Expats nicht.  Letztes Jahr mussten wir auch immer ein Bändchen tragen und es ist auch schon etwas auffällig, wenn die chinesischen Compound-Bewohner ohne Bändchen am Pool liegen und die Ausländer aber alle eins tragen. Ich diskutiere selten über Regeln, aber wenn die nicht für alle gelten, werde ich sauer.

Genauso musste meine Nachbarin letztes Jahr für eine Veranstaltung sehr viel Raummiete zahlen und die eine chinesische Mutter, die ich aus dem Kindergarten kenne, zufällig erzählte, das würde doch einen viel geringeren Wert kosten, sie hätte das für eine Woche eher gebucht. Und das auch erst inzwischen, vorher sei das sogar umsonst gewesen. Ich sag’s mal so: Ich war not amused. Beschweren hilft da aber leider kaum.

Gestern kam ich mit zwei Einkaufstüten beladen auf die Haustür zu. Der Eingangsbereich besteht aus einer Glasfront (was bei den momentanen Temperaturen eher suboptimal ist, aber das ist ein anderes Thema) und ein herauskommender Bewohner wich erst einer Chinesin aus, hielt ihr die Tür auf, guckte mich an (ich war vielleicht zwei Schritte entfernt, hatte beide Hände voll und es war offensichtlich schwer) und ließ die Tür dann nicht nur zufallen, sondern gab ihr nochmal eine Schubs. Ich hätte die also fast vor den Latz geknallt bekommen, weil ich damit nicht gerechnet hatte und hielt verdutzt inne. Damit hatte ich nicht gerechnet, weil er ja zuvor… Und mich offensichtlich gesehen hatte und… Ey!!

Eine halbe Sekunde später stieg aber ein Chinese hinter mir vom Moped ab und eilte zwei Schritte nach vorne, um mir zu helfen und grüßte mich auch noch freundlich. Das versöhnte mich.

Es ist ja wirklich nicht so, als wären alle doof zu mir, das möchte ich nochmal ausdrücklich betonen. Aber ich erlebe schon überdurchschnittlich oft, dass ich als Ausländerin anders behandelt werde und ich finde das doof. Ich bin zur Ayi, Verkäufern und den armen Leuten, die bei Wind und Wetter an der Toreinfahrt stehen genauso nett wie anderen Hausbewohnern gegenüber auch. Das kann man von den hier wohnenden wohlhabenden Chinesen nicht behaupten. Die sind oft unfreundlich, abschätzig und schreien die Leute auch gerne mal an.

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2 Gedanken zu “2016/07/20: Mit zweierlei Maß

  1. Hmm, die Zeiten, wo man als Ausländer in China grundsätzlich mehr bezahlte für Bahnfahrkarten, im Hotel und bei Museums-Eintritten sind noch gar nicht so lange her. Das war damals so von der Regierung gewollt. Weisst Du, was FEC waren? Foreign Exhcange Certificates, eine extra Währung für Ausländer. Die waren sehr viel mehr wert als die RMB, wurden aber im Handel eins zu eins angewendet. Die FEC wurden erst 1994 abgeshafft. Ich glaube, das hat sich tief in dem Gedächtnis der Chinesen eingegraben. Da gibt es auch einen gewachsenen Sozialneid. Schön ist das nicht. Ich hab mich früher auch immer geärgert. Und dachte, dass die Zeiten vorbei sind.
    Dass man al s“reicher“ Touri immer nochüber dne Tishcgezogen wird, naja, das ist andersow auch so. Aber Ihr als Expats, und die beschriebenen Beispiele – das finde ich traurig.
    LG
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

    • Jetzt, wo du das sagst, erinnere ich mich, ein paar Mal davon gelesen zu haben. Verrücktes Konzept!

      Das mit dem Sozialneid kenne ich ja auch aus Deutschland, wir sind ja in den Augen vieler voll die Bonzen, weil wir zum Beispiel nen Fahrer haben. Da die Chinesen ihren Reichtum viel offener zur Schau stellen (Stichwort „Autos“, darüber wollte ich auch noch unbedingt bloggen), dachte ich eigentlich, das sei anders.

      Ich habe gelernt, sowas wie in den Beispielen nicht persönlich zu nehmen, aber traurig bleibt es. Da gebe ich dir Recht.

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