Von den großen Nachteilen des Expat-Daseins

Die Tage kam ich ins Grübeln. Wir versuchen ja immer, einen Nachtflug zu ergattern, damit vor allem Felix den Großteil der Fluges schlafen kann. Und auch ansonsten achten wir darauf, dass wir eine möglichst gute Verbindung haben und nicht mehrfach (also mehr als ein Mal) umsteigen müssen, große Schlenker über andere Länder fliegen oder neun Stunden an irgendsoeinem Zwischenstopp verweilen müssen. Dazu würden wir gerne alle nebeneinander sitzen. Bei drei Personen geht das zwar noch, aber das gestaltet sich schwieriger, als man denkt. Und es wäre natürlich schön, wenn der Flug nicht allzu teuer wäre.

Das geht aber nur, wenn man das im Voraus plant.

Manchmal geht das jedoch nicht.

Wenn es einem Familienmitglied schlecht geht, zum Beispiel.

(Bevor ihr euch nun Sorgen macht: Keine Sorge, hier geht es allen gut!!)

Die Oma einer benachbarten Expat-Familie verstarb letztes Jahr zwei Tage, bevor besagte Freundin sowieso in die Heimat flog. Das war insofern praktisch, als dass die dann gesammelt an der Beerdigung teilnehmen konnte. Nichtsdestotrotz ist das natürlich beschissen.

Ich habe von einer gehört, deren kranker Mutter es schlagartig schlecht ging und sie sich konkrete Überlegungen machten, in die Heimat zu fliegen, um sich zu verabschieden. Das hört sich immer so spontan machbar an, aber: Als Arbeitnehmer hat man in China sehr wenig Urlaub, den man sich gut einteilen muss. Die Anreise dauert lange. Selbst, wenn man eine gute Verbindung hat, dauert der Flug bis Frankfurt elfeinhalb Stunden und dann noch mal eine halbe Stunde oder so bis nach Düsseldorf. Dazu kommt die Zeit fürs Buchen, Packen, der Weg zum Flughafen, die Zeit fürs Einchecken, das Umsteigen und dann noch mal der Weg vom Flughafen zum Ort X.

Angenommen, ich werde angerufen, lasse wortwörtlich alles Stehen und Liegen, fahre auf dem schnellsten Weg zum Flughafen und habe so gerade noch Zeit, ein Ticket für einen gleich abhebenden Flieger zu kaufen und die Sicherheitskontrolle zu passieren und ins Flugzeug zu steigen und fahre von Frankfurt aus mit dem Taxi oder einem Leihwagen nach Düsseldorf und auf keinem Teil der Strecke gibt es Verspätungen oder Stau (was höchst unwahrscheinlich ist), dann brauche ich von Tür zu Tür mindestens… Lasst mich mal rechnen… 16 Stunden. Grob geschätzt und extrem knapp kalkuliert.

In der Realität sähe das aber meist anders aus und sagen wir mal, ich wäre – und auch das ist mit der rosa Brille und viel Glück geschätzt – innerhalb von 24 Stunden da: 24 Stunden können so verdammt lang sein.

Dazu kommt noch ein weitere Faktor: Die Flugtickets für eine vierköpfige Familie kosten mehrere tausend Euro. Dabei ist das nicht mal irgendwas Tolles, sondern ganz normal Economy. Und wir scheißen hier auch alle kein Geld, als das wir das mal eben so hinblättern könnten.

Doch das große Problem, das man als Normalsterblicher meist gar nicht bedenkt, kommt erst noch: Man muss erstmal kurzfristig einen Flug bekommen. Denn gerade jetzt zum Start der Sommerferien oder um Weihnachten rum, sind die Flieger gut gefüllt. An Chinese New Year und der Golden Week, wenn das ganze Land (und wir erinnern uns: China ist groß!) reist, will ich gar nicht erst denken.

Wenn man selbst und der Ehemann über den Flieger verstreut sitzen, dann ist das zwar im Trauerfall ganz schön schlimm, aber machbar. Theoretisch kann man auch mit anderen die Plätze tauschen, praktisch ist das oft nicht so leicht. Wenn man jetzt Teenager-Kinder dabei hat, mag das auch noch gehen. Da kann man sich vielleicht auch auf zwei Flüge aufteilen. Mit kleineren Kindern wird es jedoch erheblich schwieriger.

Manchmal kriegt man einfach so schnell keinen Flug. Es sei denn, man entscheidet sich für die Business- oder First Class. „Also bitte, in dem Fall setze ich doch alle Hebel in Bewegung oder beiße halt in den sauren Apfel!“ denkt man sich da wahrscheinlich entrüstet. Wenn man jedoch dann mal Preise sieht, wird einem ganz anders.

Meine Schwiegermutter wollte, als sie alleine kam, ursprünglich mal richtig was gönnen und First Class reisen. Als wir sahen, was das kostet, staunten wir nicht schlecht: Der Hin- und Rückflug lag bei 11.000 Euro. Und nein, wir haben uns nicht verzwickt und ich mich nicht vertippt. Das hat sie also nicht gemacht.

Jetzt kann man sich denken „Aber ich brauche dann nur den Hinflug entsprechend zu wählen!“, aber dann sind wir immer noch bei pi mal Daumen 5.000 Euro aufwärts pro Person und das mal vier. (Um beim Beispiel der vierköpfige Familie zu bleiben.) Das könnt ihr euch nun selbst ausrechnen.

Die Kohle muss man erstmal haben. Ich kenne solche und solche Expats. Welche, die sich hier ein goldene Nase verdienen und von der Firma mehrmals im Jahr First-Class-Tickets für alle bezahlt bekommen. Ein bisschen so, wie man sich das als Klischee so vorstellt. Aber auch welche, die gar keine Tickets bezahlt bekommen, keinen Sonderurlaub nehmen dürfen, gerade so eine winzige Wohnung bezahlen können und auch sonst keinen „richtigen“ Expat-Status haben. Das gibt es öfter, als man denkt. Es ist nicht so, als bekämen hier alle haufenweise Asche in den Allerwertesten geblasen. Viele Firmen spielen eher die „Aber das macht sich voll gut im Lebenslauf! Und sonst wird das hier nix mehr mit Ihnen!“-Karte aus und die Leute machen das mit.

Nehmen wir mal an, das funktioniert aber alles und man kommt noch vor dem letzten Atemzug an. Wer definiert, wann man alle Hebel in Bewegung setzen sollte? Wer KANN das denn überhaupt sagen? Gerade, wenn es jemandem dauerhaft schlecht geht, weiß man doch nicht, ob JETZT der richtige Zeitpunkt ist?

Tatsächlich wurde oben erwähnter Familie die Entscheidung abgenommen, da die Mutter dann plötzlich verstarb und sie bis zur Beerdigung noch etwas mehr Zeit „gewannen“. Aber mal ehrlich, wer freut sich darüber, dass man dann doch nicht Hals über Kopf abreisen muss? Eben.

Es mag sich alles leicht flapsig erzählt anhören, aber die beiden Geschichten haben mich wirklich sehr ins Grübeln gebracht und noch mal eine Schattenseite aufgeworfen, an die ich vorher nicht dachte.

Aber da darf ich jetzt gar nicht weiter rüber nachdenken. Nicht jetzt und auch ansonsten nicht. Mit „Hätte, hätte, Fahradkette“-Gedankengängen ist nämlich keinem geholfen.

Stattdessen genieße ich lieber das Hier und Jetzt, so gut ich das kann.

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4 Gedanken zu “Von den großen Nachteilen des Expat-Daseins

  1. Deine Gedanken kann ich so gut nachvollziehen…als ich mich von meinen Großeltern verabschiedet habe, bevor es nach New York ging, hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Mein Opa ist jetzt fast 90 und eigentlich geht es ihm zwar gut, aber Kreislauf und Herz und…man weiß es eben einfach nie. Mal ganz abgesehen davon, dass solche Notfälle ja nicht zwangsläufig nur bei älteren Familienmitgliedern auftreten.
    Meine Oma ist vor zwei Jahren in Griechenland fast gestorben, und das war schon schwierig genug. Und ich meine – New York ist ja verglichen mit China noch ein Katzensprung…ich hoffe einfach, dass es die nächsten drei Monate noch gut geht (und danach natürlich auch), bis ich zumindest wieder auf dem gleichen Kontinent bin…

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  2. Ich konnte nicht da sein, als meine Oma gestorben ist. Auch zur Beerdigung nicht. Ich hätte ganze 4 Tage Trauerurlaub bekommen können. Aber die Ticketpreise waren uffff (und ich habe 7000 RMB im Monat verdient)…

    Und als 2009 mein Papa ins Krankenhaus kam, konnte ich auch aus Bali nicht weg…

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    • Man scheint hier echt relativ viel Trauerurlaub (heißt das echt so? Das ist eigentlich ein schöner Begriff.) zu bekommen, das finde ich positiv. Aber das war’s dann auch. Oh Mann, das ist wirklich bitter und tut mir total leid.

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