Aufregung am Morgen

Heute Morgen waren die Männer gerade aus dem Haus, als es an der Tür klingelte. Ich wunderte mich (die Paketpost kommt hier meistens erst nachmittags) und öffnete die Tür. Im Schlafanzug und mit ungeputzten Zähnen. Das hätte ich zwar in Deutschland auch gemacht, aber hier ist das ja nichts, womit man die Chinesen verunsichert, die gehen schließlich im Pyjama vor die Tür. Und zu Letzterem sag ich mal nichts, das klingt so unhöflich.

Draußen stand ein Techniker (?), der sich aber sofort an die Nachbarin gegenüber wandte, die gleichzeitig die Tür öffnete. Er deutete aber an, dass er auch was von mir wollte und so wartete ich also, während er mit ihr sprach. Die andere Tür öffnete sich immer mehr, der Wortschwall wurde immer länger und er zeigte immer wieder mit dem Finger auf mich und überhaupt wurden die Gesten in meine Richtung immer mehr. Er schien ein wenig aufgebracht und ich versuchte, so charmant und ahnungslos wie möglich zu lächeln.

Zwischendurch deutete er auch immer auf die Tür zwischen uns und da geht’s zu so ’ner Hauswirtschaftsecke mit Müll, den Klimaanlagen und der Warmwasserversorgung. Die chinesische Nachbarin – im Gegensatz zu mir top gestylt – guckte mich auch immer wieder an und obwohl mir immer unwohler wurde, wurde mein Verlegenheitslächeln immer größer. Chinesen diskutieren immer wild und reden laut. Erwähnte ich hier schon mal, dass das kein Zufall sein kann, dass Chinesen und Italiener beide gleichermaßen viel als auch temperamentvoll und die Erfinder der Nudel sein wollen? Ein Fall für Galileo Mystery!

Es fiel mir schwer, einzuschätzen, ob ich vielleicht was angestellt haben sollte. Beschwerden über den Müll schloss ich gedanklich schon mal aus. Da gab es gestern nichts Ungewöhnliches. Inzwischen zeigte er immer wieder nach unten und ich dachte, naja, also wir müssen wohl nicht dringend raus, weil es brennt oder das Gas leckt oder was auch immer. Sonst hätte er das schon eher signalisiert und dann wäre die andere auch nicht so gelassen.

Der Gasableser, der in diesen Wochen irgendwann kommen soll, schien es auch nicht zu sein.

Ich wünschte mir in dem Moment, meine (tolle!) Ayi wäre schon da, die würde aber erst eine knappe Stunde später kommen. Tja. Vor solchen Situationen hatte ich mich im Vorfeld am Meisten gefürchtet.

Die Nachbarin konnte zum Glück ein kleines bisschen Englisch und sagte mir dann, ich sollte „downstairs“ anrufen und Bescheid sagen. Das ist zwar nett gemeint, aber die beiden Mädels, die abwechselnd an der Rezeption „downstairs“ sitzen, sind hilfsbereit und so, können aber auch nur sehr wenig Englisch. Anrufen ergäbe also wenig Sinn. Selbst wenn, was soll ich denn da sagen? Die beiden haben gesagt, ich soll anrufen, es gibt anscheinend ein Problem. Details weiß ich auch nicht, aber ich habe ja jetzt Bescheid gegeben?

Irgendwie kam dann raus, dass wir uns in dieser Hauswirtschaftsecke treffen sollten und wir wechselten den Standort. Aus dem einen großen Apparat kam anscheinend Wasser, zumindest war da eine große Pfütze drunter. Aha! Nun kamen wir der Sache langsam näher. Warum hat er mir das nicht von Anfang an gezeigt und erstmal zehn Minuten wild gestikulierend einen Wortschwall nach dem anderen auf mich abgefeuert?

Der Techniker zeigte immer von mir zur Nachbarin und hin und her und rieb die Finger aneinander. Weil sie mir dann mit ein paar Worten Englisch sagte, sie würde mir helfen, unten anzurufen. (Ich glaube aber, sie half mir, indem sie unten anrief, denn danach ging sie einfach wieder.) Die beiden lachten und es ging wieder hin und her. Ich dachte derweil, der Techniker wollte einen Scherz machen und mir sagen, ich solle sie für die Hilfe bezahlen und lachte irgendwann mit. Tatsächlich ging es aber wohl darum, dass ich meinen Schaden selbst bezahlen soll. Oder der teuer wird.

Am Ende vom Lied stand ich also in der Wohnung und wusste nicht mal, was das für ein Apparat ist, aus dem oder unter dem Wasser ist und war eigentlich nicht viel schlauer als vorher.

Ich tippte eine Nachricht an unsere Kontaktperson, der den Hausmeisterservice für unsere und andere Wohnungen macht. Tatsächlich hatte zwischendurch schon überlegt, ihn anzurufen und die das alle am Telefon ausdiskutieren zu lassen, aber ich dachte hey, das wird sich doch wohl auch so irgendwie klären lassen. Tja. War wohl nix. Die Mitteilung war wahrscheinlich wahnsinnig hilfreich, aber was soll ich machen? Ich beschrieb, wo was kaputt sein könnte und dass eventuell schon jemand von unten Bescheid wüsste.

Nach einer Weile kam unsere Ayi und ich erklärte ihr kurz das Problem und fragte, ob sie kurz unten anrufen könne, um das zu klären? Ich wollte vor allem wissen, ob ich später wie geplant losziehen könne oder mich da noch um was kümmern soll. Und falls ich weg könnte, sollte sie ja Bescheid wissen, falls da Leute kommen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Heute Morgen war ein Techniker da, um was bei den Nachbarn zu reparieren. Dabei fiel ihm auf, dass aus unserer Therme (?) Wasser austritt und wollte uns darauf aufmerksam machen. Deswegen kommt gleich ein anderer, der das repariert. So. Das war eigentlich schon alles.

Theoretisch keine große Sache. Praktisch… Puh.

Ich freue mich, dass man mir so geduldig helfen wollte. Solche Situationen hatte ich schon oft. Nur warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

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9 Gedanken zu “Aufregung am Morgen

  1. Dieses laute und lebhafte Diskutieren kenne ich aus dem Büro, wo ich als einzige Westlerin unter lauter Chinesen arbeite. Und ich frage mich immer, wo gerade etwas schief gelaufen ist und warum man so zornig ist und ducke mich erschrocken über meine Tastatur. Das sind übrigens auch fast alles Leute aus Shanghai. Deren Dialekt verstehe ich nicht. Ich freue mich, wenn ich in diesen Wortgefechten auch ein Lachen höre. Dann kann es nicht so schlimm sein. ;)
    lg Ulrike

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    • Ich hatte heute erst wieder eine Situation unterwegs, in der ich dachte „Oh, jetzt prügeln die sich sicherlich gleich!“ – und dann haben die sich bloß normal unterhalten. Ups. Besser so als andersherum. :D

      Mittlerweile kann ich das eigentlich etwas besser einschätzen, aber ich glaube, das bilde ich mir größtenteils nur ein. Der Shanghaier Dialekt (also das, was ich glaube) empfinde ich als recht hart und erinnert mich sehr an irgendwas Arabisches. Das kann ich nur leider immer noch nicht einordnen.

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  2. Ich freu mich immer richtig, wenn ich einen neuen Post von dir in meinem WordPress Reader sehe…meistens wird’s lustig. Ich musste zum Thema Sprachwirrwarr auch letztens direkt an deinen Blog denken, weil die Story aber zu kurz für einen eigenen Beitrag wäre, gibt’s sie jetzt im Kommentar:
    Mein Freund wollte mir letztens sagen, dass ich mit irgendwas aufhören soll. Er spricht manchmal Deutsch und manchmal Niederländisch mit mir, macht aber im Deutschen oft Fehler, ist halt nicht seine Muttersprache. Auf jeden Fall meinte er dann ganz ernst: Hau ab!! Ich habe ziemlich verduzt geguckt (wieso soll ich denn abhauen?) bis mir aufgefallen ist, dass er vermutlich Hör auf meinte, weil Hör auf auf holländisch = Hou op = ausgesprochen wie Hau op. Naheliegend, oder? :D

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