Maßgeschneidert

Eigentlich suchte ich nach dem genauen Wortlaut eines anderen Zitats, fand dann aber das hier und muss euch das einfach mit auf den Weg geben:

Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch. (George Bernard Shaw)

Ist das tiefsinnig oder was? Da könnt ihr jetzt mal drüber nachdenken. Und dann die zugegebenermaßen nicht mal annähernd so anspruchsvolle Geschichte hier lesen, wie ich mir mal ein maßgeschneidertes Kleid anfertigen ließ. ;) Ich bin für asiatische Verhältnisse relativ groß und auch allgemein nicht die Schlankeste. Für mich ist das Klamotten kaufen hier ein bisschen schwierig. Zum Glück ist es nicht so wild wie befürchtet, aber die Auswahl ist nicht sooo groß. Wie praktisch, dass man sich hier günstig Kleidung schneidern lassen kann. Zumindest in der Theorie.

Vor ein paar Wochen fuhren wir zum „South Bund Fabric Market“ (Adresse siehe unten) und besuchten den Stand, den uns diverse Kollegen von Pascal empfohlen hatten. Dort ließ er sich nach Vorlage (und Vermessen) einen Anzug und zwei Hemden anfertigen. Die Nähte der Hemden sind meiner Meinung nach nicht so akkurat, aber beim Anzug kann ich wirklich keinen Unterschied zu seinen Sonstigen feststellen. Und der Preis ist unschlagbar.

Also träumte ich heimlich von einer Kollektion unfassbar günstiger Kleidung, die individuell für mich angefertigt wurde und mich in meinem allerbesten Licht präsentiert. Naja, soweit wie möglich zumindest. Tatsächlich machte ich aber nur bedingt Hoffnung, da ich einen Haken witterte. Schnitte für zierliche kleine Frauen kann man eben nicht einfach auf große Größen skalieren.

Die meisten Damenkleidung sprach mich persönlich nicht so an. Es waren mehr Abendgarderobe dabei, die allerdings nur von Deutschen so definiert wird. Hier in Shanghai tragen viele Frauen sowas täglich. Ich persönlich habe dafür allerdings keine Verwendung. Vieles war ansonsten einfach nicht mein Ding. Sowohl vom Schnitt, als auch vom Stoff her. Ich bevorzuge schlichte Kleider (aber gern mit buntem Muster), die am Bauch schön gerafft sind und meiner Figur schmeicheln.

Allerdings war ich mit der Auswahl der Stände hoffnungslos überfordert und verschob den Besuch auf ein andern Mal. Also unter der Woche und ohne Kind. Wenn sich die Reizüberflutung vom ersten Mal gelegt hat. Und ich mich auch so wohl in meiner Haut fühle, dass ich mich von einer zierlichen und dazu noch fremden Frau an diversen Stellen vermessen lassen kann.

Nun war meine Schwiegermama kürzlich zu Besuch und da sie Stoffe kaufen wollte UND dazu noch Ahnung hat, sah ich mich letzte Woche meinem Vorhaben gewappnet. Wir fuhren gemeinsam zum Fabrics Market und sie wollte eigentlich nur Stoffe. Vielleicht noch mehr. Der Market zieht sich über mehrere Etagen und hat zig kleine Lädchen, deren Angebot sich teilweise wiederholt. Ich war schon im Erdgeschoss überfordert. Dieses Geschäft ist eine Mischung aus Fake und Fabric Market. Es gibt also auch gefälschte Taschen, Schals, Kimonos und was weiß ich. Da wird man dauernd angequatscht und muss ordentlich handeln. Ich kann beides nicht ab. Bei den Schneidern diskutiert man aber wohl nicht über den Preis. Hab ich zumindest aus zwei glaubwürdigen Quellen so erklärt bekommen.

Es ist für mich sehr verwirrend. Ich habe absolut keinen Schimmer, was man für einen Schal aus Seide zahlt und was angemessen ist. Da ich allerdings auch keinen Bedarf habe, habe ich da kein Problem. ;) Meine Schwiegermama und ich suchten ein paar schöne Stoffe für sie aus. Das hat richtig Spaß gemacht. Dazu erstand sie noch diverse Geschenkartikel aus Seide. Alles zusammen war wohl im Vergleich zu Deutschland recht günstig, obwohl die Verkäuferin wahrscheinlich das Geschäft des Tages gemacht hat. Ich sag ja, ich hasse dieses Gefeilsche.

Danach wurde ich der Reizüberflutung langsam Herr. Problematisch ist, dass man ja nirgendwo mal stehen bleiben und in Ruhe gucken kann. Selbst ein Sekundenbruchteil im Vorbeigehen kann zu lang sein – die Verkäufer sehen das sofort und dann geht’s erst recht mit dem „Want a suit? Or beautiful dress for beautiful lady?! los. Meine Schwiegermama (ich hab wirklich ein tolles Exemplar abbekommen!) ermunterte mich, mir was nähen zu lassen und half mir bei der Auswahl.

Wie das eben so ist, entschieden wir uns am Ende beide dazu, uns jeweils ein hübsches Kleid nähen zu lassen. Aber keine Sorge, es wurde kein Partnerlook! ;) Wir suchten uns einen Stoff und einen Schnitt aus, wurden vermessen und nach Wünschen gefragt: Wie lang wollten wir das Kleid haben, sollte irgendetwas anders gemacht werden? Dann zahlten wir eine Teilsumme an und bekamen Zettel mit dem Betrag, der Standnummer und einem kleinen Stückchen Stoff. Eine Woche sollte das Ganze dauern und wir waren sehr gespannt.

Eine Woche später fuhren wir wieder hin und suchten den Stand. Die Zettelchen verursachten ein wenig Aufruhr, eine ältere Dame zückte aber ihr Smartphone und deutete uns an, zu warten. Unsere Kleider schienen nicht dazwischen zu hängen und nach einer Weile kam auch die junge Asiatin, die das Gespräch mit uns geführt hatte, herbei. Ob wir vielleicht in vierzig Minuten wiederkommen könnten? Wir hatten aber Sorge, dass es noch länger dauern würde und entschieden uns, am nächsten Tag abermals dorthin zu fahren. Das war ein bisschen doof, weil der Market zwar nicht sooo weit weg, aber schon noch ein ordentliches Stück entfernt ist. Allerdings kann man die Angabe „one week“ so und so verstehen und wir hatten den Puffer sicherheitshalber eingeplant, da meine Schwiegermama am übernächsten Morgen nach Hause fliegen würde.

So machten wir uns 24 Stunden später wieder auf den Weg. Dieses Mal hatten wir Felix im Schlepptau, das war organisatorisch nicht anders machbar. Mit nem blond gelockten Kleinkind, das zu allem Überfluss auch noch mit einem Gefährt fahren möchte – mehr Aufmerksamkeit geht kaum. Zum Glück erkannten die meisten Verkäufer uns anscheinend schon und/oder waren von seiner Anwesenheit abgelenkt und so kamen wir ziemlich günstig zum entsprechenden Stand.

Dieses Mal waren sie da und wir probierten sie gleich an. In dem winzigen vollgestopften Kabuff gab es natürlich keine Umkleidekabine, aber eine Ecke wurde so lange mit einem Stück Stoff abgehangen. Ich mag diese Pragmatik hier einfach so.

Das Kleid meiner Schwiegermama war etwas länger als geplant. Aber besser so, als andersherum. Das wird sie aber in Deutschland selbst ändern. kleidBei meinem war das ebenfalls so, aber da der Stoff unten in einer schönen Bordüre endet und ich diese Länge auch mag, entschied ich mich, das zu lassen. Es erschien mir etwas weit, aber es sitzt wohl gut. Ich sag ja, meine Schwiegermama kennt sich da aus und wenn sie das sagt (und mein Mann später völlig unabhängig davon ebenfalls), dann glaube ich das mal.

Einzig unter den Armen ist es mir etwas zu eng. Also nicht, dass es einschneiden würde oder so, es ist gut gemacht, weil man seitlich nicht ins Kleid gucken kann. Wahrscheinlich empfinde ich das auf Dauer als unangenehm, weil ich so schnell schwitze und das dann, äh ja, feucht wird. Hmmm. Das muss ich mal beobachten und gegebenenfalls noch mal ändern lassen. (Nach einer Wäsche, versteht sich.)

Nun sind wir also beide in Besitz eines maßgeschneiderten Kleides aus Seidenjersey. Es ist gut gemacht und es fühlt sich so exklusiv an, das zu tragen. Das ist so ein „Because you’re worth it!“-Ding. Hach!

Ich hoffe, der Stoff blutet in der ersten Wäsche nicht aus oder macht sonstwas Komisches, aber hier wird ja eh alles kalt gewaschen und ich bin guter Dinge.

Bezahlt haben wir 260 RMB, das sind 38 EUR. Das ist jetzt kein Preis, bei dem ich mir meine gesamte Sommergarderobe rundum erneuere, aber weit entfernt von teuer.

Adresse auf Englisch:
South Bund Fabric Market – 399 Lujiabang Lu, near Nancang Jie

Adresse auf Chinesisch:
请带我去 南外滩轻纺面料市场, 陆家浜路399号, 近南仓街

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