Kita-Alltag #2 – Eingewöhnung und Alltag

Zum ersten Teil, „Kita-Alltag #1 – Vorgeschichte und Auswahlkriterien“ geht es hier entlang.

In Felix Preschool Group gibt es zwei Teacher. Der eine (ja, männlich! Voll gut!) spricht Englisch und ist Muttersprachler. Die andere Chinesisch, genauer gesagt Mandarin. Zusätzlich gibt es eine chinesische Assistentin. Die beiden können aber auch Englisch und er Chinesisch. Das erleichtert die Kommunikation mit uns Eltern doch erheblich, denn der englische Teacher ist „nur“ halbtags da und schon weg, wenn ich Felix wieder abhole.

Die Gruppe ist international, dennoch sind inzwischen fast die Hälfte der Kinder deutsch. Das hat sich zufällig ergeben und ist nicht repräsentativ. In der Schule wird Englisch und Chinesisch gesprochen. Die beiden chinesischen Teacher können einige deutsche Worte und lassen sich von den Kindern immer wieder welche beibringen. Mal davon abgesehen, dass es unglaublich niedlich klingt, führt das manchmal zu lustigen Situationen. Neulich war ich etwas zu früh zum Abholen da und traf eine der beiden im Vorraum. Sie begrüßte mich ganz locker mit „Hallo, wie geht’s?“ und ich antwortete mit zwei längeren Sätzen auf deutsch. Ich war in Gedanken und wollte sie eh noch was fragen und hatte in dem Moment ganz vergessen, dass wir sonst Englisch miteinander sprechen.

Zusätzlich gibt es zwei Ayis, die unterstützen. Sie helfen bei den Mahlzeiten, beim Schuhe anziehen, falls die ganze Gruppe nach draußen geht und sowas. Außerdem putzen sie nach dem Essen, nach Bastelaktivitäten und nach dem Unterricht. Und wechseln den Wickelkindern zu festen Zeiten (und natürlich nach Bedarf) die Windeln.

Über das Windelwechseln hatte ich mich im Vorfeld schon mal mit anderen Eltern ausgetauscht. Ursprünglich fand ich das nicht so toll, dass die Erzieher das nicht übernehmen. Einerseits lässt das natürlich mehr Raum für den etwas verschulteren Ablauf. Andererseits finde ich Sauberkeitserziehung schon persönlich. Man lässt sich ja ungern von Irgendwem den Popo abwischen. Da gehört Vertrauen dazu. Außerdem bedeutet das auch immer ein wenig Exklusivzeit mit dem Kind. Wenn ich mit Felix irgendwo zu Besuch bin und es mal an der Zeit ist, machen wir beim Windelwechseln immer ein bisschen Spökes und widme mich nur ihm.

Der Kleine hat hier in der Kita – verständlicherweise – beim ersten Mal voll losgebrüllt, weil da plötzlich jemand Neues kam und ihn einfach rausgetragen hat. Zwar war sie ganz lieb und sprach mit ihm, doch er empfindet das Wickeln eh als lästige Unterbrechung und so half das nicht sonderlich. Beim zweiten Mal war es besser. Aber er fand es immer noch doof und ich musste unbedingt mit.

Inzwischen hat er sich natürlich längst dran gewöhnt. Und ich mich gedanklich auch. Vorher fand ich das besonders in Bezug aufs Trocken werden etwas schwierig. Aber nun ja, dann läuft er eben alleine zu den Toiletten rüber oder wird von den Teachern ‚rübergebracht. Wie gesagt, er ist nun nicht das erste Kind, was so erzogen wird. Andere Länder, andere Sitten und so.

In vielen internationalen Preschools gibt es keine Eingewöhnung, wie es inzwischen in Deutschland Standard ist, sondern man gibt die Kinder quasi einfach ab. Das kam für mich nicht in Frage. Da Felix und ich ja schon Kita-Erfahrung hatten, machte ich mir da keine allzu großen Sorgen. Tatsächlich war es sogar fast mehr eine Eingewöhnung für mich als für ihn.

Wir haben hier eine andere Familie kennengelernt und deren Kind geht nun auch bald in einen Kindergarten, allerdings in einen anderen. Bei denen läuft die Eingewöhnung ganz anders. Da kommt eine Betreuerin in der ersten Woche nach Hause und spielt dort mit dem Kind. Später malen sie auch ein Bild zusammen, was dann schon im Kindergarten hängt und was das Kind wieder erkennen kann. Der Plan ist, dass das Kind dann schon eine Bezugsperson hat.

Am ersten Tag war ich den ganzen Tag dabei, um mir selbst einen Eindruck von allem zu verschaffen, die Abläufe kennenzulernen und meinem Sohn das Gefühl zu geben, dass das hier alles schon so ok ist.

Im Gegensatz zu unserer Kita in Deutschland (erwähnte ich, dass die ein absoluter Glücksgriff war…? Ich kann es nicht oft genug betonen!) wird hier zuhause gefrühstückt. Der Fahrer setzte uns vor dem Innenhof ab und wir liefen noch ein Stückchen. Am Eingang befindet sich ein Wachmann, der alle begrüßt und die Tür öffnet. Daneben sitzt die School Nurse, die alle Kinder ebenfalls herzlich in Empfang nimmt. Sie misst mit einem Infrarot-Stirnthermometer die Temperatur, nimmt den allgemeine Zustand unauffällig in Augenschein und streicht über die Hände. Dann tropft sie ein wenig Desinfektionsmittel in die kleinen Hände und animiert die Kinder auf chinesisch, dieses zu verreiben.

Als man uns das bei der Besichtigung geschildert und gleichzeitig betont hatte, dass vor allem das Messen der Temperatur Pflicht in China sei, waren wir sehr skeptisch, ob alle das immer so easy mitmachen würden. Man erzählte uns, dass die Kinder sogar immer schon die Stirn hinhalten und da Spaß dran hätten. Tja. Wie soll ich sagen….? Der Kleine reckt der Nurse jeden Morgen brav den Kopf entgegen, macht alles mit und freut sich über das Verreiben des Mittelchens – das ist nicht nur dem allgemeinen Kita-Phänomen geschuldet und faszinierend mitanzusehen. Die beiden haben sogar jeden Morgen ein kleines Spielchen: Am Ende streckt die Nurse die Arme aus, als wolle sie ihn hochheben, er läuft aber daraufhin demonstrativ weg und beide kichern dabei. Es ist so süß!

Wenn ich von diesem Part erzähle, denke ich immer noch, dass das für deutsche Ohren sicher sehr befremdlich klingt. Tatsächlich läuft das aber ganz schnell und dennoch liebevoll ab, die Nurse ist total niedlich und ich finde das mit dem Fieber messen und dem Desinfizieren sogar richtig gut.

Der Kleine läuft dann normalerweise am Empfang vorbei zu seiner Gruppe. Dort wird er herzlich begrüßt und meist von mir umgezogen. Heißt: Jacke aus, Schuhe aus und Indoor Shoes an. Das sind nicht unbedingt Hausschuhe mit weicher Sohle, hier sind auch normale Schuhe üblich. Wasserflasche und Communication Book (dazu später mehr) kommen an ihren Platz und bei Bedarf fülle ich die Windeln in seinem Fach auf. Feuchttücher werden hier übrigens gestellt.

Nach und nach trudelten alle Kinder ein. In der Altersgruppe sind es nur ganz wenige, die mit dem Schulbus kommen. Sie beschäftigen sich mit freiem Spiel und werden entweder von den Teachern animiert sie spielen mit. Oft läuft auch englische oder chinesische Kinder-Musik, wie das fürchterlich ohrwurmige „I am a Pizza“, von dem ich hier einmal berichtete.

Das Programm beginnt mit dem Morning Circle (Morgenkreis), zu dem sich alle versammeln. Dort werden – unterstützt durch große Gesten – Fragen nach dem Befinden („Happy“, „Scary“, „Tired“) gestellt, anhand einer Uhr wird das Wetter analysiert, ein Buch gemeinsam geschaut, alle Namen der durchgegangen und so zum Beispiel erklärt, dass einer gerade im Urlaub ist, es wird was gesungen – was man sonst halt so im Morgenkreis macht.

Jeder Tag ist fest strukturiert. Die genaue Reihenfolge weiß ich gar nicht, sagen wir montags wird gemalt, dienstags gebastelt, mittwochs was ausgeschnitten und so weiter. Jede Woche steht im Zeichen einer Farbe, eines chinesischen Schriftzeichens, eines lateinischen Buchstabens sowie einer Zahl. Außerdem hat jeder Monat ein bestimmtes Motto wie zum Beispiel „Sonne, Mond, Sterne und der Weltraum“.

Da ging es beispielsweise darum, dass die Kinder innerhalb eines Circles spielerisch einordnen sollten, was man tagsüber und was man nachts macht. Die Lehrerin hielt dabei ein Bildchen mit einem Schlafanzug hoch und fragte in die Runde, ob das nun auf zur Nacht oder zum Tag gehört und ein Kind durfte das dann auf die entsprechende Seite der Tafel pappen. Die Kinder haben Monde angemalt und Sterne auf Papier geklebt und sangen „Twinkle, twinkle, little star“. Mit den beiden letzten Aktivitäten habe ich „art class“ und „music class“ auch schon umschrieben.

Es ist also bei weitem nicht so schulisch, wie befürchtet und ähnlich wie in der deutschen Kita auch. Wenn auch ein bisschen gehäufter. Natürlich bekommen sie viel Input, aber es ist alles spielerisch und ungezwungen. Felix wollte neulich partout nicht mit Fingerfarbe malen und die Lehrer haben ihn dazu ermuntert – als er dennoch nicht wollte, war das völlig in Ordnung.

Natürlich dürfen die Kinder auch toben. Leider ist die Luftqualität bekanntermaßen oft nicht so gut. An der Tür zum Outdoor-Spielplatz gibt es eine „Ampel“ aus Tonpapier, die anzeigt, ob und wenn ja, wie lange draußen gespielt werden darf. In Deutschland waren die Kinder auch oft mehrere Stunden am Stück auf dem Kita-Spielplatz und Felix hatte je nach Jahreszeit eine gefütterte und eine ungefütterte Matschhose. Dasselbe galt für Gummistiefel und Jacke. Das brauchen wir hier alles nicht. Auch sind Sandkästen kaum verbreitet. Nach wie vor ist das für mich sehr befremdlich und daran habe ich manchmal zu knabbern.

Damit die Bewegung nicht zu kurz kommt, hat die Schule eine große Turnhalle mit kombiniertem Indoor-Spielplatz. Das ist sehr super da, wie gerne hätte ich das als Kind auch gehabt!

Vormittags finden normalerweise eine „classroom activity“ sowie eine Runde Bewegung statt. Zwischen den „classroom activities“ wird immer frei gespielt und teilweise werden die Kinder angeleitet. Wie das eben so ist. Es gibt altersgerechtes Spielzeug und Bücher auf Englisch und Chinesisch. Mindestens ein deutsches Buch hat sich darunter gemischt, das habe ich die Tage zufällig gesehen.

Ebenfalls vormittags gibt es einen Morning Snack, der glücklicherweise auch gestellt wird. Dieser besteht aus Obst. Das Mittagessen wird geliefert. In unserer alten Kita kam das Essen in Schüsseln und die Menge konnte bei jedem Kind variiert werden. Hier gibt es fertige Boxen. Auch da werden individuelle Dinge wie Unverträglichkeiten berücksichtigt oder dass eins der Kleinen das Obst übergangsweise herausgenommen wird, damit es nicht nur das isst. Ich glaube, den Stil nennt man „eurasisch“, denn Lunch besteht aus westlichem und asiatischem Essen. Während es in Deutschland oft Apfel gibt, nimmt hier übrigens die Drachenfrucht diesen Stellenwert ein.

Um eins werden einige Kinder abgeholt, meins bleibt noch. Nun wird Mittagsschlaf gehalten. Dazu liegen alle Kinder in einem großen Schlafsaal auf Pritschen aus so festem Netzstoff. Die meisten haben Decken, Felix habe ich einen Schlafsack mitgegeben. Erstaunlicherweise klappt das super. Besonders die kleineren Kinder werden in den Schlaf begleitet und die Teacher halten auch schon mal Händchen oder streicheln müde Köpfe. Es ist sehr schön, wie liebevoll mit ihnen umgegangen wird. Die Teacher Assistant erzählte letzte Woche, sie gäbe Felix zum Einschlafen immer ein Küsschen auf ihre Hand und hielte diese auf seine Stirn. An dem Tag habe sie es aber vergessen, weil ein anderes Kind ihre Aufmerksamkeit brauchte und da protestierte er, bis sie ihm das indirekte Küsschen gab. Dann schloss er die Augen und schlief ein. Wie niedlich ist das bitte?! <3

Die Kleinen schlafen etwa eine Stunde und es ist meistens ein Teacher aus der eigenen Gruppe dabei, falls sie aufwachen. Sollten sie mal nicht in den Schlaf finden oder schon keinen Mittagsschlaf mehr machen, dürfen sie in einem anderen Gruppenraum leise spielen.

Nach dem Mittagsschlaf wird gewickelt und es gibt einen Snack. Anschließend wird wieder gespielt und es gibt oft einen Circle. Zwei Mal in der Woche gehen die Kinder nach dem Schlafen in die schuleigene Bücherei. In dieser Zeitspanne zwischen Schlafen und Abholen sind zwei Gruppen zusammengelegt. Zum Schluss wird oft ein Lied gesungen oder Ähnliches gemacht. Das ist der Vorteil daran, dass es keine Gleitzeit wird, dass ein schöner gemeinsamer Abschluss stattfindet.

Nachmittags gibt es noch zusätzliche Angebote, doch das geht frühestens ab einem Alter von drei Jahren los. Im Auto gucke ich mir mit dem Kleinen gemeinsam das „Communication Book“ an. Das ist unser kleines Ritual. Dort wird die Stimmung des Kindes anhand verschiedener ankreuzbarer Smilies wie „Happy“, „Energetic“, „Quiet“, „Social“ etc. wiedergegeben. Außerdem stehen dort Infos, ob man am nächsten Tag etwas mitbringen muss (Hose, Shirt, Windeln, Lätzchen…), was es zum Essen gab und eine Skala, wieviel davon verputzt wurde, mit welchen Kindern besonders gespielt wurde, ob die Windel nass oder voll war und freie Kommentare wie „played cars with Luca a lot“ oder „listened very well during morning circle“. Der Kleine hört mir aufmerksam zu, wenn ich daraus vorlese oder Frage stelle und ich merke, wie er den Kita-Tag mit mir Revue passieren lässt.

Das Wochenende wird von einem wöchentlichen Newsletter eingeleitet, in dem für jede Gruppe einzeln berichtet wird, was diese Woche so passiert ist. Dieser wird auch mit Fotos versehen und es ist immer toll, zu sehen, wieviel Mühe der Teacher aus Felix Gruppe dort hineinsteckt. Es ist auch sehr praktisch, um die Omas und Opas auf dem Laufenden zu halten. :)

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5 Gedanken zu “Kita-Alltag #2 – Eingewöhnung und Alltag

  1. Das ist echt spannend.
    Und ich finde dieses communication book total cool. Sowas hätte ich auch gern. Also vielleicht nicht so umfangreich, aber so generell fänd ich es toll etwas mehr zu erfahren über den KiTa Tag.
    Klingt auf jeden Fall echt gut bei euch!

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    • Das ist eigentlich relativ schnell gemacht. Die meisten Sachen sind zum Ankreuzen beziehungsweise bei den Essensmenge und der Tendenz, ob die Kinder mehr Englisch oder Chinesisch gesprochen haben, gibt es einen Pfeil, der dann an entsprechender Stelle markiert wird. Aber die Zeit muss man natürlich erstmal haben, je nach Betreuungsschlüssel kannst du das vergessen. :(

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  2. […] Wie ich hier (*klick*) schon mal erwähnte, hat Felix ein „communication book”. Dort finden sich immer Infos über den Tag. Wenn wir nach Hause fahren, lese ich ihm immer vor, was darin steht und so sprechen wir ein bisschen über den bisherigen Tag. Da das in englischer Sprache gehalten ist, lese ich ihm das natürlich auch so vor. Allerdings besprechen wir den Rest drumherum auf Deutsch. […]

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