Wie im Reality-TV…

Bevor ich das erste Mal hier in Shanghai war, hatte ich mir in den schillerndsten Farben ausgemalt, wie es hier sein könnte. Vieles davon trat aber nicht ein. Was auch gut ist, denn vieles waren eher irrationale Befürchtungen. Gestern hatte ich dann das erste Mal einen richtigen Kulturschock und ich kam mir vor wie so’n armes Mädel von „auf und davon“. Zum Glück waren keine Kameras dabei.

Doch der Reihe nach. Hier in Shanghai geht man – zumindest als Expat – nicht in Deutschland in einzelne Arztpraxen, sondern in ein Ärztezentrum oder eine Klinik. Das läuft hier relativ amerikanisch.

Im Krankenhaus-Eingang geht es zu wie in einer Bahnhofshalle kurz vor Weihnachten. Da herrscht Chaos und wenn man sich nicht auskennt, ist man ziemlich verloren. Leute quetschen sich durch die Türen und rennen hektisch durcheinander. Sie stehen an Schaltern an, stehen vor den Aufzügen, stehen einfach mitten im Weg rum. Es blinkt und leuchtet überall irgendwas, gerne auch in den buntesten Farben. LED-Laufbänder voller chinesischer Schriftzeichen laufen um die Wette. Viele rufen sich quer durch den Raum etwas zu oder brüllen herum. (Ich glaube, Italiener und Chinesen teilen nicht nur die Vorliebe für Nudeln, nein, die schreien sich auch ständig an. Und oft geht es auch um gar nichts Negatives). Der Lautstärkepegel ist enorm. Ausnahmen bestätigen die Regel: Manche schlurfen so langsam, dass man fürchtet, sie schaffen es nirgendwo mehr hin. Es ist wie ein Bienenstock auf LSD.

Das International Center, also der Bereich, in den ich musste, ist zum Glück gut ausgeschildert und farbige Pfeile auf dem Boden markieren den Weg. Hat man sich durch die Leute durchgekämpft, ist es in dem Expat-Trakt angenehm ruhig. So friedlich. Wenn ich jetzt noch Fahrstuhlmusik mögen würde und mich nicht eine einer Arztpraxis befände, wäre es nahezu paradiesisch.

Aus dieser Ruhe musste ich aber irgendwann wieder raus und schrieb dem Fahrer wie vereinbart ein paar Minuten eher eine Nachricht, damit er vorfahren kann. Da vor dem Eingang ein furchtbares Gedrängel und Geschubse herrschte und ich mehrfach ein Husten am Ohr hatte, was sowas von gar nicht mehr gesund klang, fühlte ich mich wesentlich unwohler, als es mir eh schon ging. Ich entschloss, mich zumindest schon mal zur Straße durchzukämpfen. Das war leichter gesagt, als getan, denn gefühlt jeder Zweite latschte gemächlich auf dem Zufahrtsweg herum, weswegen sich die Autofahrer dachten, na dann fahre ich eben auf dem Bürgersteig. Dumm nur, dass da eben auch sehr viele Leute entlang liefen. Und ich dachte mir, nur weil die Erstversorgung hier gut gewährleistet ist, muss man die ja nicht gleich herauf beschwören.

Irgendwann hatte ich die paar Meter zur Straße unfallfrei bewältigt und stand trotzdem wieder im Weg. Da hätte ich auch vor dem Eingang bleiben können. Die Straße war voller Autos, viele standen außerdem kreuz und quer am Wegesrand. Es waren unglaublich viele Leute unterwegs und Mittagszeit. Ich bemerkte, dass ich am Ende einer Abtrennung stand, aus dem Taxen sich aus einer Warteschlange herausfädelten und diese mir wiederholt fast über die Füße gefahren wären. Weiter nach hinten gehen konnte ich jedoch nicht, da dort eine mobile Garküche stand. Ein Mann hatte einen großen Ofen auf sein Fahrrad gebaut, mit der er Kartoffeln (?) und Maiskolben schwarz verkohlte und verkaufte. Wie man sich vielleicht denken kann, qualmte der Ofen und war von außen anscheinend auch sehr heiß und ich hatte also die Wahl zwischen vom Taxi überfahren werden oder mich am Ofen verbrennen und beide Optionen fand ich nicht sehr verlockend.

Da ich viel Zeug dabei hatte und erschöpft war, konnte ich mehr schlecht als recht ausweichen und stellte schnell fest, dass es so oder so nicht möglich gewesen wäre, weil es immer voller und voller wurde und sich noch mehr Autos aneinander vorbeischlängelten. Bis der Verkehr plötzlich völlig zum Erliegen kam. Hatte ich den Eingangsbereich des Krankenhauses als chaotisch beschrieben? Nun, das hier war die Steigerung.

Gedanken wie „So hatte ich das mir in meinen dunklen Szenarien vorgestellt!“, „Ich bin doch gar keine dumme Blondine vor laufender Kamera!“ und „Eigentlich habe ich keine Angst in Menschenmengen, aber…“ schossen mir durch den Kopf. Dazu gesellte sich ein unangenehm hilfloses „kleines Mädchen, große Stadt“-Gefühl. Zeitgleich erkannte ich, WARUM sich auf der Straße nun nichts mehr tat.

Der Fahrer eines Autos und ein Mann außerhalb dessen brüllten sich an und begannen eine Prügelei. Eine Prügelei! Das musste ich gedanklich erst einmal verarbeiten. Zum ersten Mal war mir klar, wie die Formulierung „…dass die Fäuste nur so flogen“ zustande gekommen sein musste. Im Fernsehen hatte ich schon mal ähnliche Bilder im ukrainischen und italienischen Parlament gesehen und dachte immer, ach, das ist doch bestimmt alles irgendwie Show. Im TV ist das alles dazu so weit weg. Zum Glück war die Szenerie noch ein paar Meter entfernt, mir aber dennoch definitiv zu nah!

Kurzerhand strömten die Passanten von allen Seiten, bildeten stumm einen Kreis um die beiden Streithähne und… Beobachteten das Geschehen. Smartphones wurden gezückt, Fragen ausgetauscht. In Blogs hatte ich schon von diesem Phänomen gelesen und Kollegen meines Mannes hatten davon erzählt, doch live war das ganz anders und ich verstört. Äh, also, sollte da nicht vielleicht mal einer eingreifen?

Ich stand derweil immer noch zwischen dem Ofen und einem Taxi, aber wenigstens bewegte sich letzteres nicht. Und wollte eigentlich auch einfach nur nach Hause und ins Bett. Stattdessen fühlte ich mich immer noch elend und wie der unfreiwillig lustige Darsteller in einer Reality-Doku. Selten fühlte ich mich wie ein kleines doofes Häschen, das bitte hier weggebeamt werden möchte.

Schließlich bemerkte ich, wie hinter mir ein Wachmann zügig die Krankenhaus-Auffahrt entlang schritt – um sich in sein Häuschen am Eingang zu setzen. Eine Sekunde später schubste eine Frau, die ich vorher gar nicht als Beteiligte bemerkt hatte, einen anderen Uniformierten wütend vom Fahrzeug weg und beschimpfte ihn. Nach einer Weile hatte der Mann, der von vorneherein in dem Auto gesessen hatte, es geschafft, sich wieder dorthinein zu setzen und konnte nach ein paar Handgreiflichkeiten sogar die Türe schließen. Fortan bahnte er sich auf wundersame Weise seinen Weg durchs Verkehrschaos. Der andere ballte die Fäuste, hatte ein zornrotes Gesicht und schrie ihm (vermutlich nicht so nette) Worte hinterher.

Die Menschenmenge löste sich auf und der Verkehrsfluss kam langsam wieder in Gang. Kurz darauf erspähte ich Fahrer und Auto und seufzte erleichtert. Ich manövrierte mich und mein ganzes Zeug durch die Autos durch und konnte endlich nach Hause.

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